

Sehnsucht Marokko
Weite, Wind und Wüste
Uns treibt die Sehnsucht wieder einmal nach Marokko.
Diese Reise begann eigentlich im September mit der Planung, endete bereits im November, um Ende Januar des darauffolgenden Jahres doch endlich stattzufinden.
Doch der Reihe nach…..
Petra sucht seit einiger Zeit eine gebrauchte BMW G 650 GS, die sie in der Nähe von Erfurt schließlich im Netz entdeckte. Alles dran TT Motorschutz Sturzbügel, TT-Taschen usw.
Perfekt. Angerufen, Termin vereinbart, Kaufvertrag unterschrieben.

Alles ok, nur die Tieferlegung bei Wilbers in Nordhorn stand noch aus. Also fuhr Holger das orange-gelbe Hummelchen bei nasskalten 4°C von Erfurt nach Nordhorn.
Der vorher recherchierte Preis bei Wilbers war in Ordnung, insofern durfte das Gedankenkarussel einer wiederholten Reise nach Marokko Schwung holen.
Bis dass das Telefon klingelte, Wilbers von einem angekokelten Kabelbaum berichtete und uns bat, vorbeizukommen.
Wir begutachteten den Schaden und beschlossen einen neuen, kompletten Kabelbaum einbauen zu lassen, derweil die BMW sonst nicht mehr fahrbereit sei. Kleines Wunder, dass das Motorrad nicht bereits auf der Autobahn zwischen Erfurt und Nordhorn die Beine gestreckt hat, meinte der Mechaniker bei Wilbers.
Wusste der Verkäufer davon? Wir sind sicher, dass er es nicht wusste!!
Der Entschluss, die Reise zu canceln, lag aufgrund der unvorhergesehenen Ausgaben nahe und erfolgte auch. Nicht einfach, aber unvermeidlich.
Abmessung von Petras Motorrad, Danke Motorrad Wilbers!
Einige Zeit später, also im Januar, fragte Petra, was denn mit Holger sei. Er sei still und irgendwie erschien er Petra ein wenig depressiv.
Beim Sonntagskaffee in heimischen Räumen, wurde Petra dann ein wenig massiver und beharrte auf Antworten. Holger machte die Näherung des Abfahrttermins immer trauriger, denn das war der Starttermin, um die Fähre von Sète nach Nador zu erreichen.
Nach der geistigen Verinnerlichung einer Kürzung der Reise von 11 auf 7 Wochen beschlossen die beiden, flugs das Gedankenkarussel wieder in Gang zu setzen und Fahrt aufzunehmen.
… und die Reise beginnt...
So starten wir gegen Mittag bei ca. 4° C. von Steinhagen Richtung Kassel.
Aufgrund der niedrigen Temperaturen und kurzem Tageslicht lassen wir uns Zeit, daher verzögert sich die Ankunft in Séte aber wir haben einige Tage Pufferzeit eingeplant und insofern fahren wir entspannt und im Zwiebelsystem warm eingepackt auf die Fähre nach Nador.Nach einem vierstündigen Zwischenstopp in Barcelona erreichen wir bei ruhiger See innerhalb von ca. 36 Stunden den marokkanischen Hafen Nador. Da wir die Einreiseformalitäten bereits auf dem Schiff erledigen, nehmen wir nach recht kurzer Abfertigung bei Sonnenschein Kurs nach Süden.

Palmeraie in Figuig, algerische Grenze
In Oujda übernachten wir das erste Mal auf marokkanischem Boden. Tags drauf touren wir durch nahezu flaches Land. Die Weite nimmt kein Ende. Einsetzender Regen und immerwährender starker Seitenwind erfordern starken Charakter. Nur das Durchfahren kleiner Weiler und Dörfer bringt Abwechslung. Eng an der Grenze nach Algerien tasten wir uns weiter südwärts nach Figuig.
Der Campingplatz ist geschlossen, kein Hotel in Sicht, die Kälte und der Regen kriechen uns in die Knochen.
Ein Kanadier im Café einer Tanke erlöst uns, indem er mit seinem Freund telefoniert, der ein Hotel besitzt. Die aufgezogenen K 60 Scout sind angesichts des Schlamms auf schmaler Zuwegung zum Hotel etwas überfordert und so schlingern wir auf sehr schmaler Piste bis zum überdachten Platz unserer Unterkunft. Bis morgen dürfen die Heidenaus nun ihren trocknenden Dreck abwerfen.
Der Innenraum ist nicht geheizt, was in Marokko die Regel ist. Die sehr freundlichen Gastgeber begrüßen uns mit heißem Tee und Gebäck. Unsere Situation bessert sich also merklich. Die Zimmer sind ok, aber saukalt. Aber….es gibt fünf Decken übereinander, eine heiße Dusche und etwas später die leckere Tajine.
Das gesamte Gelände wird uns beim einstündigen Rundgang am nächsten Morgen stolz gezeigt. Alle erdenklichen Gemüsesorten, einige Obstbäume und nicht zu vergessen, die Kaninchen, Hühner, Schafe und Esel lassen uns gerne glauben, dass diese Anlage fast autark betrieben wird, wovon auch die PV-Module zeugen.

In Boudnib finden wir am nächsten Tag den mit Palmen bestandenen „Camping Francois Rekkam“. Der Campingplatz wird geleitet von Khadija, alleinerziehend, einer starken, warmherzigen Inhaberin. Leider verstarb ihr Mann Francois viel zu früh.
Wir ziehen in ein kleines Häuschen, weil wir beide nach der regnerischen und stürmischen Fahrt triefende Nasen haben. Holger sucht gleich mal den nächsten Friseur auf und wir schlendern durch den eher nichtssagenden Ort.
Er bietet sich allerdings für einen Stützpunkt in die Sahara führender Expeditionen an.
Camping Francois Reccam in Boudnib
Es treibt uns weiter nach Südwesten in die Oasenstadt Erfoud. Wir finden das Hotel „Kasbah Tizimi“ vom letzten Besuch wieder und checken ein. Nach zwei Nächten zieht es uns nun mächtig in den Süden, an die Sahara.
In Merzouga wollen wir bleiben und uns ein Bild machen, von diesem Ort am Rande der Sahara. Holger ist eh schon hin und weg beim Anblick der Sanddünen, sind sie doch gegenwärtiger als die in M´hamid.
Das im Reiseführer ausgesuchte Quartier ist leider geschlossen. Ratlos stehen wir vor dem Tor des eindrucksvollen Gebäudes und recherchieren neu. Gegenüber fährt jemand mit seinem Moped vor seine Haustür. Er würde eine sehr schöne Kasbah kennen, die entsprechende Zimmer vermietet. Gesagt, getan und schon beginnt die vorsichtige Fahrt hinter ihm her. Der total hügelige, versandete Weg mündet nach einigen Kilometern in den Sand der Sahara und vor uns liegt das wunderschöne „Ksar Bicha“. Mit einem riesigen Dankeschön verabschieden wir uns von dem Mopedfahrer. Nein, Geld möchte der Herr nicht, wir sind doch schließlich Gäste in seinem Land.

Nach versandeten Wegen angekommen im Ksar Bicha
Wir verbringen hier Urlaubstage, gehen und reiten in die Wüste. Wir orientieren uns an bewässerten Palmenoasen bis nach Merzouga-Stadt, saugen das Flair dieser Wüstenstadt auf, verbringen aber auch einige Stunden auf unserer Terrasse mit dieser imposanten Sicht auf die Dünen. Immer wieder kreuzen Dromedare unseren Blick. Bewirtet werden wir mit Köstlichkeiten aus der vielfältigen marrokanischen Küche.
Hier wollen wir gar nicht mehr weg.

Nach einigen Tagen besteigen wir trotzdem unsere Zweiräder. Über Rissani und Zagora gelangen wir in wenigen Etappen nach Tata.
Eine entspannte Stadt mit etwas Wüstenflair, einladenden Geschäften unter Arkaden und Restaurants. Sehr empfehlenswert. Zwei Tage lang klappen wir den Faulenzer aus.
Wir orientieren uns weiter nach Sidi Ifni am Atlantik.
Endlich zelten und maritimes Leben genießen. Außerdem beginnt morgen der Ramadan, deshalb gehen wir über breite Treppen nach oben in die Stadt. Gesellen uns zu den Einkäufern und besorgen uns für die nächsten Tage etwas Proviant zum Kochen.
Endlich zelten am Atlantik in Sidi Ifni
Wir beobachten hemmungslose Einkäufe. Vor allem Brot und Konserven wird den Händlern aus den Fingern gerissen, denn die nächsten zwei Tage ist alles geschlossen und die Familien sind groß.
In den nächsten Tagen ist also Ruhe angesagt und wir haben Zeit, vom Strand die Surfer zu beobachten.
Unser Plan, über das Atlasgebirge einige Gebiete zu entdecken, die uns noch nicht so bekannt sind, misslingt. Es schneit im Atlas. Eine Routenänderung macht Sinn und ist kein Problem. Über Tafraoute und Taliouine wollen wir zur Kasbah Ait-Ben-Haddou
Immer wieder regnet es am Atlantik und wir biegen ab nach Osten. In Tafraoute verbringen wir auf dem Weg nach Taliouine zu viel Zeit und beschließen, in Igherm eine Übernachtung einzulegen. Allerdings ist leider kein Hotel verfügbar in der Zeit des Ramadans. Somit begann eine spektakuläre Nachtfahrt. In dieser Gegend gab es vor einiger Zeit ergiebige Regenfälle, die Straßen abrutschen ließen und Vegetation zerstörten. Vielen Menschen wurden ihrer Habe beraubt. Der massive Regen aus dem Herbst ist zwar lange vorbei, doch wir sind aufgrund der abgerutschten Straße gezwungen, uns immer wieder für einige Kilometer durch Geröll ins mittlerweile ausgetrocknete Flussbett zu tasten. Und dann bricht auch noch die dunkle Nacht an. Total aufmerksam und mit höchster Anspannung kommen wir sehr spät in Taliouine an. Endlich reduziert sich die Adrenalinausschüttung und wir checken ein ins Hotel Safran.
Todmüde fallen wir in die Betten.
In Taliouine ist die mühevolle Ernte des Safrans maßgeblich für die Bekanntheit der Stadt. Bei einer Frauenkooperative bekommen wir interessante Informationen über die mühsame Ernte.

Ergebnis mühevoller Arbeit auf den Krokusfeldern einer Frauenkooperative in Taliouline

Beim Schlendern und Begreifen der Stadt lernen wir den Kalligraphen, Frauenrechtler, Poet und Künstler Moulid kennen, der uns u. a. die alte Tamazight Sprache in Form des Alphabets näher bringt. Dies ist die Sprache der Amazigh, der indigenen Ureinwohner Nordafrikas. Die Amazigh, heute auch Berber genannt, lieben vor allem ihre Freiheit, was sich in verschiedenen Schriftzeichen äußert.
Auf immer mehr Beschilderungen auf Autobahnen sehen wir neben arabischer und lateinischer Schrift, auch die Hinweise in Tamazight.
Künstler, Frauenrechtler und Kaligraph Moulid
Es sind nur ca. 100 km nach Ait-Benhaddou, der alten Kasbah, deren Datum der Erbauung nicht direkt einzufassen ist.
Die heute teilweise genutzte Kasbah datiert zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert.
Die ältesten, heute nicht mehr zu sehenden Teile, stammen aus dem 11. Jahrhundert.
Matt Damon, war leider gerade abgereist, denn der im Jahr 2026/27 in den Kinos startende Film mit dem Arbeitstitel „The Odyssey“, wurde gerade mit einigen Sequenzen dort abgedreht.
Wir sind nicht nur wegen der vielen Monumental-Filme, die dort gedreht wurden und werden, sondern noch viel mehr über die historische Stätte an sich, tief beindruckt.

Die alte Kasbah Aid-Benhaddou
Leider zerfällt das Bauwerk ein wenig, trotzdem tauchen vor unseren geistigen Augen immer wieder Szenen auf, die sich vor einigen Jahrhunderten hier ereignet haben. Sie lassen uns immer wieder innehalten. Vor allem, wenn wir uns abseits der Touristenströme treiben lassen.
Eine alte Dame winkt sich uns in ihre Wohnung in der Kasbah, zeigt uns Küche, Wohnzimmer und Stall. Wow, was für ein karges Leben, unbeschreiblich. Ein kleiner Obolus wird allerdings danach von ihr eingefordert. Verständlich.
Einige Tage geben wir uns dem Zauber der Kasbah und des Umfeldes hin. Saugen die Natur des mit Palmen bestandenen Flusslaufs vor dem Monument in uns auf. Diese Bilder bleiben und sind unvergesslich.
Wieder zurück auf den Rössern, ist es an der Zeit, sich endgültig Richtung Norden zu orientieren. Über den gut ausgebauten Pass Tiz´n Tichka mit seiner Orchestrierung der kurvigen Routenführung und des vertrauenserweckenden Belags, führt das große Finale und der Schlussakkord ins trubelige Marrakesch.
Nach dem Stadttor und der Einfahrt in die Medina werden die Gassen in den Souks immer enger und bei einer temporär installierten Beton-Barriere wird der Vortrieb gehemmt, links durch die Häuserwand, rechts durch die Barriere. Die Alu-Boxen verkeilen sich. Das Procedere beginnt. Nichts geht mehr, doch niemand regt sich auf, im Gegenteil, denn einige sehr lösungsorientierte Jungs nehmen Holger die flugs abgebauten Boxen ab und dirigieren erst ihn, dann Petra durch die Engstelle. Hat nur ´ne Stunde gedauert. Alles gut. Nicht nur die Drei freuen sich über einige Scheinchen, auch viele umstehende Marokkaner, freuen sich, dass die eingeklemmten Touris wieder frei sind.
Danke Jungs, guter Job.
Bei unserem Bekannten Peter, wohnen wir immer wieder gerne, wenn wir in Marrakesch sind. In seinem wunderschönen Riad, nicht weit vom Dschemaa-el-Fna, lässt es sich trefflich entspannen. Durch eine unscheinbare Tür gelangen wir in das Innere des prachtvollen Riads, der uns geräumige Zimmer bietet.
Der Dschemaa-el-Fna, Platz der Gehängten, zeigt sich uns während des Ramadans so anders als sonst.
Weniger Stände, weniger Trubel, weniger Touristen. Aber Aisha, No.1, eine bekannte Station vergangener Reisen, bewirtet uns wieder einmal vortrefflich.
Mit einigen Anekdoten seines Lebens verwöhnt uns Peter jeden Tag aufs Neue. Gerne lauschen wir seinen Erzählungen und Beschreibungen seiner Stadt, seines Marrakeschs.
Es wird Zeit, diesen Quirl an Kulturen und gleichzeitigem Festhalten der Einheimischen an den eigenen Werten zu verlassen.
Bei strömendem Regen führt uns Petra langsam vom Parkplatz durch die schmalen Gassen der Medina.
Jenseits des Stadttores dürfen alle drei Zylinder unserer Bikes endlich mal wieder raus in die Freiheit, Richtung der Hauptstadt Rabat.
Die Stadt ist der Sitz des Königs. Es ist hier famos sauber. Fast haben wir den Eindruck, vom Pflaster essen zu können.
Nach unserem Ramadan-Menü schlendern wir durch die Stadt.
Ungläubig merkt Petra an, ob sich denn wohl die Sohle ihres Sidi Endurostiefels gelöst haben könnte, denn das Gehen fühle sich etwas schwammig an.
Die Annahme wird zur Gewissheit, und der nächste Tag führt uns zu einem Schuster, der kurzerhand die Sohle klebt und nagelt.
Moderne und die Medina liegen in Rabat dicht beieinander. Wer Marokko nicht kennt, findet hier einen großartigen Einstieg in den Besuch des Landes.
Unsere Verweildauer beträgt nur zwei Tage, denn wir gönnen uns noch den Abschluss in Asilah, kurz vor Tanger.
Jeweils im Juli/August jeden Jahres, findet in Asilah ein Kultur-Festival statt. Maler aus der ganzen Welt sind eingeladen, die vorher weiß gestrichenen Hauswände mit Bildern zu bemalen. Schlendern und Schauen, manches Interpretieren der Kunstwerke macht einfach nur Spaß. Und im Hintergrund zaubern hereinbrechende Wellen die Symphonie des Atlantiks in unsere Ohren. Das ganze Jahr erfreuen sich Einwohner und die wenigen Touristen der bemalten Wände.
Unsere Reise endet nun bald am Hafen Tanger Med.
Sieben Wochen sind wieder einmal viel zu kurz gewesen.
Bei der Vertäuung der Motorräder versprechen wir uns:
Zu lange darf es nicht dauern, dieses Land mit seinen Menschen und Schätzen wieder zu bereisen.
Unsere Sehnsucht ist noch lange nicht gestillt.

